Das Team des Blogs „Saxorum“ rief im Januar dazu auf, die Rolle von Geokoordinaten für Archive am Beispiel der Verzeichnung in Wikidata zu reflektieren. 1 Im Wintersemester 2024/2025 und im Sommersemester 2025 führte ich gemeinsam mit meinem Kollegen Clemens Beck den explorierenden Teil unseres Lehrprojektes „DigiHistDB: Entwicklung eines Selbstlernmoduls zur Datenbankmodellierung und -analyse in den Geschichtswissenschaften“ durch. 2 Hierbei ließen wir die Studierenden nach einer breiten Einführung historische Daten(zusammenhänge) aus mittelalterlichen Urkunden mit Hilfe der Graphdatenbank FactGrid modellieren. FactGrid basiert auf einer Wikibase-Instanz und hat somit dieselben Funktionalitäten wie Wikidata. Es hat jedoch den Vorteil, dass durch eine Klarnamenpflicht Änderungen der Datensätze besser nachzuvollziehen und Benutzende leichter zu kontaktieren sind. Gleichzeitig entsteht hierdurch eine größere Hürde für potenziellen Vandalismus.
Die historischen Daten, die wir mit unseren Studierenden modellierten, entstammten den Urkunden des Stadtarchivs Sulzbach-Rosenberg, welches einer unserer Projektpartner ist. Die Urkunden sind mit Abstand die ältesten Überlieferungsträger des Archivs und stellen den größten mittelalterlichen Bestand dar. Sie sind die wichtigste Quelle für die Geschichte Sulzbachs vor dem ausgehenden Mittelalter, welche in weiten Teilen noch als Desiderat zu bezeichnen ist. Unter anderem deshalb entschieden wir uns für eine möglichst granulare Modellierung. Die erhobenen und verknüpften Daten sollten deutlich über die meist üblichen Regesten sowie Orts- und Personenregister hinausgehen. In Sulzbach-Rosenberg selbst ist bisher lediglich ein handschriftliches Findmittel des späten 19. Jahrhunderts vorhanden. Natürlich führt dieser unser Ansatz zu einem langwierigen Arbeitsprozess, zumal, wenn die Ausführenden jedes Semester neu geschult werden müssen. Er erschien uns dennoch lohnenswert, da eine solche digitale Feinmodellierung mittelalterlicher Urkunden mit Hilfe von Graphdatenbanken, unseres Wissens nach, noch nicht versucht wurde. 3 Unser Ansatz der Feinmodellierung beinhaltet auch die möglichst umfassende Georeferenzierung der zu modellierenden Informationen. 4
Der von uns gewählte Ansatz der Georeferenzierung der bearbeiteten Urkunden läuft dabei auf zwei Wegen ab. Der erste zielt auf die Verknüpfung mit existierenden (historischen) Orten, im Sinne der Gemeinde. Die erwähnten Orte werden innerhalb jeder Urkunde gesondert über die Property P256 „Erwähnte Dinge und Orte“ erfasst. Ein weiterer Ortsbezug kann durch die Property P434 „Ortsbezug“ hergestellt werden. Dies bietet sich besonders an, wenn der eigentlich über P256 qualifizierte Ort nicht mehr genau zu lokalisieren ist. Hier kann man über P434 auf nahegelegene oder vermutete Gebietsnachfolger verweisen. Natürlich könnte man den groben Ortsbezug auch über die Beziehung P8 „Teil von“ und P9 „Teile darin“ abbilden. Gegen die ausschließliche Nutzung dieses Wegs sprachen jedoch die Formulierungen innerhalb der Urkunden, welche nicht immer sicher rekonstruieren lassen, ob beispielsweise ein Hof tatsächlich in einer Stadt oder vor ihr lag. Klassischer Bestandteil auch unserer Urkundenerschließung ist natürlich ebenfalls P926 „Ausstellungsort“. Bei der Erfassung achten wir besonders auf eine Reziprozität der Beziehung in den Items der jeweiligen Orte. In den jeweiligen Ortsitems werden die Urkunden über die Property P143 „Wird erwähnt in“ aufgeführt. Auf diese Weise sind die Urkunden fest mit den Orten verbunden. Das Gros der Ortsitems im FactGrid ist wiederum mit WikiData und nach Möglichkeit mit der GND verknüpft. Eine absolute oder relative Lokalisierung kann man außerdem noch über P1176 „Grenzt an“ vornehmen. Auch wenn diese zunächst nur bedingt sinnvoll erscheinen mag, wird ihr doch bei fortschreitender Anreicherung der Daten zu einem Gebiet, größere Bedeutung zu kommen. Irgendwann ist ein Grundstück o.ä. doch eindeutig identifizierbar. Wenn hier P1176 konsequent verwendbar war (durch die Quelleninformationen) und verwendet wurde (durch die Erfassenden), können plötzlich wesentlich ältere Zusammenhänge rekonstruiert werden, die ohne Datenbank schlicht unbemerkt blieben.
Von größerer Bedeutung bei der Erfassung anderer Quellentypen wären ebenfalls die Properties P95 „Herkunftsort/Absendeort“ sowie P29 „Destination/Ort des Empfängers“, über welche etwa die Laufstrecken von Briefen abgebildet werden können.
Dasselbe georeferenzierende Vorgehen pflegen wir auf einem zweiten Weg auch in Hinblick auf die in den Urkunden vorkommenden Personen, welche ebenfalls über P434 oder eine Auswahl anderer Properties mit verzeichneten Orten (und Quellen) in Beziehung gesetzt werden können. Die von uns am häufigsten benutzten Properties hierfür sind:
- P83 „Ort der Adresse/Ortsansässig in“
- P175 „Eigentum“
- P296 „Aufenthalt in“
Sowie reziprok:
- P126 „Eigentümer/in“
- P239 „Bewohner“
Bei der Verortung der in unseren Quellen vorkommenden Personen ist eine gründliche Ausweisung mit datierenden Qualifiern von großer Bedeutung. Nur so lassen sich etwa Eigentums- oder Wohnortwechsel beziehungsweise Aufenthaltsfrequenzen abbilden. Da gerade bei Urkunden die hinter ihnen stehenden und in ihnen erwähnten Personengruppen von großer Bedeutung für die Landesgeschichte sind, wollen wir diese auch nach Möglichkeit im Land verorten. Auf diese Weise treten u.a. Interessensphären deutlicher hervor.
Natürlich hat die bisher dargestellte Georeferenzierung von Orten, Grundstücken, Personen und Dingen eine alles entscheidende Grundlage: die Georeferenzierung der zu Grunde liegenden Items, auf welche referenziert wird. Durch den Linkend-Open-Data-Charakter ist dies bei fast allen Gemeinden, die aus WikiData, der GND oder GeoNames importiert werden, der Fall. Hier kann man also produktiv auf Vorarbeiten aufbauen, diese zur Anreicherung nutzen und selbst weiter anreichern. Schwieriger wird es bei historischen, später in anderen Entitäten aufgegangenen Siedlungsgebilden, Flurnamen oder etwa Wäldern und Bergwerken. Hier kann man fast nie auf bereits existierende strukturierte Daten zurückgreifen. Selbst in der Literatur bleiben Verortungen oft eher vage. Sie entsprächen am ehesten der Beziehung von P434 „Ortsbezug“, denn meist begegnen Formulierungen wie „auf der Flur von“ oder „in der Nähe von“. Wir sind also darauf angewiesen, die benötigten strukturierten Daten selbst zu schaffen. Unser erstes Mittel der Wahl hierfür sind das Historische Ortsnamenbuch des Altkreises Sulzbach-Rosenberg 5 sowie der online verfügbare BayernAtlas, in welchem auch historische Karten eingespeist sind. Während ersteres die Identifikation und Zuweisung zu Nachfolgeentitäten erleichtert, hilft zweiter beim Aufspüren von Flurnamen. Da die historischen Karten im BayernAtlas georeferenziert sind, ist ein Datenimport der gefundenen Punkte ohne größeren Aufwand möglich. Sollten alle diese Lösungswege nicht greifen, sind wir darauf angewiesen, selbst in historischen Karten nachzuforschen. Hier ist es von großem Vorteil, dass beinahe alle historischen Karten des ehemaligen Fürstentums Sulzbach über bavarikon einsehbar sind. 6 Da bei den bereits georeferenzierten Orten zumeist die Ortsmitte als Punkt gewählt wurde, streben auch wir danach, bei Orten die Mitte auszuwählen. Bei Weilern oder Einöden nutzen wir die Koordinaten des Haupthauses, bei unklarer Ortsmitte die Koordinaten der Kirche (wenn vorhanden). Während Bergspitzen zumindest für den Stand bis zu den ältesten Karten im Bayernatlas recht genau verzeichenbar sind, bleiben die Geokoordinaten von Wäldern, Feldern und Wiesen stets nur Näherungswerte. Alle von uns eingetragenen Geodaten beziehen sich lediglich auf Raumpunkte. Von der Kartierung von Flächen als Polygone mussten auch wir aus zeitlichen Gründen Abstand nehmen. Für eine Kartierung des rechtlichen Archivinhalts schien uns diese Unschärfe jedoch vertretbar.
Als Beispiel für die mit den historischen Unschärfen einhergehenden Probleme und Möglichkeiten fände sich etwa im FactGridItem Q1183961. In diesem ist der Rechtsakt der Signatur Stadtarchiv Sulzbach-Rosenberg, Urkunde 6 vom 21. November 1348 modelliert. In dieser Urkunde wird das Schürfrecht auf einem Teil des heute auf Poppenrichter Flur liegenden Aichelbergs geregelt. Das betreffende Bergwerksareal wurde nochmals separat erfasst, da es später auch andere Bergwerke mit anderem Recht auf demselben Berg gab. Alle drei Items sind möglichst granular miteinander verbunden. Während wir den Aichelberg georeferenzieren konnten, mussten wir auf selbiges bezüglich des Erzbergs verzichten, da bisher unklar ist, welche der späteren Gruben damit konkret gemeint war. Dies liegt auch daran, dass derselbe Name für unterschiedliche Schächte und Bergwerke in Gebrauch war.
Uns ist bewusst, dass wir bei unserer Vorgehensweise einen Aufwand treiben, der in größeren Projekten nur schwer zu realisieren sein wird. Aus unserer Sicht lohnt sich dieser dennoch. Eines unserer Ziele ist es nämlich, auszuloten, wie sehr man die Quellendaten „verräumlichen“ kann. Ein Ansatz, der nur durch eine Graphdatenbank und linked open data überhaupt möglich wird. Unser Ziel ist es, am Ende eine Art Kartierung des Sulzbacher Urkundenbestandes und des von ihm tangierten Gebiets vornehmen zu können. Unsere Hoffnung ist, dass durch die Verknüpfung von Personendaten mit Ortsdaten auch neue Personennetzwerke mit Bezug auf Sulzbach und sein Umland aufgedeckt werden können. Die Ergebnisse beider Fragestellungen sind über FactGrid als Wikibase-Instanz ohne größeren Aufwand als Karte darstellbar.
Würde dieser Ansatz zumindest über die konsequente Ortsauszeichnung mit Hilfe von linked open data auch für andere Bestände des Stadtarchivs oder anderer, benachbarter Archive umgesetzt werden, könnte eine Quellenkartierung entstehen, welche zielsicher die Anlaufstellen für weitere Nachforschungen zu einem bestimmten Ort verzeichnet. Andersherum werden natürlich auch die Beziehungen einer Stadt und ihrer Gedächtnisinstitutionen in das Umland ablesbar. So wird nochmals unmittelbar auf der Karte sichtbar, wie sich Stadt-Land-Beziehungen über Zeit verschoben und wie groß die Bedeutung der Archive auch über die Stadtgrenze hinaus für das Umland ist.
Durch den offenen Ansatz von WikiData und FactGrid für die Partizipation breiter Benutzer*innengruppen ist außerdem eine beständige Anreicherung der Datensätze möglich. Die geo-spatialen Beziehungen sollten im Laufe der Zeit also komplexer werden.
- Der Call findet sich hier. [↩]
- Das Projekt wird durch das TMBWK und den Stifterverband im Rahmen des Programms Fellowships für „Innovationen in der digitalen Hochschullehre“ gefördert. [↩]
- Am Leipziger GWZO existiert mit VAMOD zwar ein ähnliches Projekt, dieses kann jedoch auf Grund des größeren Quellenumfangs im Rahmen seiner Förderdauer keine ähnliche Erschließungstiefe erreichen. Vgl. https://www.leibniz-gwzo.de/de/vamod sowie Lennard Pelikan / Sven Jaros: Entangled Data – Expressing Ambiguities and Entanglements within Open Research Data from premodern Eastern Europe. Entanglements. Retrieved September 19, 2025 from https://entanglements.hypotheses.org/2203. [↩]
- Dass wir bei der Modellierung der Urkunden die physische Urkunde von den enthaltenen Rechtsakten scheiden, sei hier nur beiläufig erwähnt. Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich auf die Gesamtschau aus beiden. [↩]
- Vgl. Frank, Hans† / Oelwein, Cornelia / Schuh, Robert, Sulzbach‐Rosenberg. Ehemaliger Landkreis Sulzbach‐Rosenberg (Historisches Ortsnamenbuch von Bayern, Oberpfalz 2), München 2002. [↩]
- Ein besonders ansehnliches Beispiel ist die Pfalz-Neuburgische Landesaufnahme des Landgerichts Sulzbach von 1749, sh. unter: https://www.bavarikon.de/object/bav:GDA-LAA-0000BAYHSTAPL091?lang=de [↩]
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Max Grund (14. Oktober 2025). Archivale georeferenzieren. Ein Praxisbericht aus dem Projekt DigiHistDB. Coding Oberpfalz. Abgerufen am 12. September 2026 von https://oberpfalz.hypotheses.org/411
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